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Ulf Sommer

Chartgespräch mit Frederik Altmann, freier Analyst

Beitragsdatum: 
12. Apr 2010

Die Börsen werden bald wieder korrigieren, doch der Aufwärtstrend bleibt intakt


Düsseldorf, 12.04.2010
Im Februar kannten die Aktienkurse nur eine Richtung: nach unten. Doch während sich viele technische Analysten mit Untergangsszenarien übertrafen, wiegelte Frederik Altmann ab. Der norddeutsch-trocken, bedächtig, ja langsam und vorsichtig formulierende Charttechniker aus Frankfurt sah die Kurse damals zwar noch um ein paar Punkte weiter fallen, glaubte aber fest an den Fortbestand der Aufwärtsbewegung und die stabile Unterstützung durch die 200-Tage-Linie, also dem Kursdurchschnitt der vergangenen 200 Handelstage.

Altmann sah lediglich den steilen Aufwärtstrend gebrochen, der sich mit der Aufwärtsbewegung seit dem Tief bei 3600 Punkten im Frühjahr 2009 etabliert hatte. „Das Ende solch eines steilen Aufwärtstrends bedeutet keineswegs das Ende der Hausse“, sagte Altmann damals. Üblicherweise mündet eine erste liquiditätsgetriebene Rally mit starken Kursanstiegen in eine moderatere Aufwärtsbewegung. Damit ist zwar der erste Aufwärtstrend gebrochen. Doch es schließt sich eben ein zweiter, schwächerer Aufwärtstrend an.

Die Entwicklung im Frühjahr gab Altmann recht. Tatsächlich vermochten die Gerüchte um den Bankrott Griechenlands und die Pleite anderer südeuropäischer Staaten die Märkte nicht nachhaltig zu belasten. Im Gegenteil: Sobald sich die Einsicht durchsetzte, dass die Europäer kein Land aus der Eurozone untergehen lassen, sondern im Notfall retten würden, erholten sich die Märkte und erklommen sogar neue Jahreshochs.

Jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Wieder rückt Griechenland und die mögliche Pleite anderer Staaten in den Vordergrund. Obendrein erschrecken Zinserhöhungs- und Inflationsszenarien die Anleger. Die Kurse fallen.

Doch wieder bemüht Frederik Altmann seine alte Einschätzung: Der Aufwärtstrend bleibt intakt. Damit er es bleibt, müssten die Kurse allerdings ab und an nach unten korrigieren. Im konkreten Fall: Altmann sieht den Dax in allernächster Zeit bis auf 5850 Punkte fallen. Das wäre gegenüber dem aktuellen Stand ein Minus von sechs Prozent.

Auf 6400 Punkte dürfte der Dax in diesem Jahr noch steigen
Bei 5850 Punkten sieht der Techniker den Dax hervorragend unterstützt. Erstens etablierte sich auf diesem Niveau während des vergangenen Herbstes und Winters eine massive Widerstandszone. Immer wieder prallte der Dax an den 5850 Punkten ab, ehe er sie schlussendlich doch überwandte. Üblicherweise mutieren Widerstände zu Unterstützungen, wenn sie erst einmal genommen sind. Ganz wichtig: Je länger sich solch ein Widerstand etablieren konnte und je öfter die Kurse daran scheiterten, desto größer ist anschließend seine Unterstützungskraft, wenn die Kurse die Hürde genommen haben. Vor allem deshalb, weil Anleger sich an solche Marken erinnern, sie im Chart erkennen und sich an ihnen orientieren. Die Prophezeiung erfüllt sich also selbst.

Obendrein hätte der Dax bei 5850 Punkten, wenn er denn soweit zurückfällt, 50 Prozent seiner jüngsten Aufwärtsbewegung, die im Februar begann, korrigiert. Solch eine Korrektur gilt als idealtypisch. Der Aufwärtstrend bliebe immer noch voll intakt, wenn auch weniger kraftvoll und dynamisch wie bisher. Immerhin, 6400 Punkte billigt Altmann dem Dax in diesem Jahr noch zu.

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Charttechniker erwarten harte Zeiten an den Börsen

Beitragsdatum: 
08. Feb 2010

Die ruhigen und guten Aktienmonate enden. Die hohen Umsätze alarmieren Experten. Nur Optimisten setzen auf ein baldiges Ende der Talfahrt.


Monat für Monat kletterten die Aktienmärkte auf neue Hochs. Nur wenige, dafür umso markantere Tage im neuen Jahr reichten anschließend aus, um die ansehnlichen Gewinne aus vielen Wochen wieder zunichte zu machen.
Mehr noch: Als die Kurse fielen, schwollen die Umsätze an. Gegenüber herkömmlichen Tagen wurden in Frankfurt, New York und London gut ein Drittel mehr Aktien gehandelt. Bei den kurzen und mickrigen Zwischenerholungen sank das Volumen dagegen rapide. Solch ein Phänomen, wie Anleger es seit Beginn der jüngsten Börsenkorrektur erleben, lässt Charttechniker – also Analysten, die ihreKursprognosen aus Charts, Trendfolgemodellen und zyklischen Mustern herleiten – gemeinhin aufschrecken. Deshalb lud das Handelsblatt vier renommierte Charttechniker in die Frankfurter Redaktion.

Die Lehman-Pleite hallt an den Börsen noch lange nach

„Viele Indikatoren signalisieren, dass sich die Abwärtsbewegung noch mehrere Monate fortsetzt“, sagt Klaus Deppermann von der BHF-Bank. Der Experte hatte an gleicher Stelle vor genau einem Jahr, als der Dax bei 4500 Punkten notierte, das Börsenbarometer für Ende 2009 bei 6200 Punkten taxiert. Damals stand er mit seiner Meinung allein. Am Ende wurden es 6100 Punkte.

Nun empfiehlt Deppermann Anlegern, „angesichts der alarmierenden Abwärtsdynamik in Erholungen hinein zu verkaufen“. Bis Mai sieht er den Dax auf 4550 Punkte fallen. Damit wären knapp zwei Drittel der vorangegangenen Aufwärtsbewegung seit März 2009 zunichte gemacht. Erst dann seien die Märkte reif für eine mehrwöchige Zwischenerholung. Mehr aber auch nicht. Das langfristige und noch niedrigere Tief als im Mai erwartet Deppermann erst im Frühjahr 2011.

Wieland Staud von Staud Research weist schon seit vielen Monaten auf die „kritische Lehman- Zone“ hin. Damit ist die Zeit vor und nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Großbank gemeint. Als Lehman im September 2008 Insolvenz meldete, fielen die Börsen – wenig überraschend – zunächst rasant, der Dax auf rund 5850 Punkte. Doch genauso rasant erholten sich die Aktienmärkte und beendeten die Lehman-Insolvenz- Woche sogar im Plus bei gut 6 150 Punkten. Wer vorschnell auf fallende Kurse gesetzt hatte, wurde kalt erwischt.

Doch der eigentliche und nachhaltige Anlegerschock folgte sogleich, als der Dax – und mit ihm alle anderen wichtigen Börsenindizes in Europa und den USA – in den folgenden Wochen ohne Zwischenhalt mehr als 1000 Punkte verlor. Wer also vorschnell auf ein Ende des Lehman-Schocks gesetzt hatte, weil die erste Woche vielversprechend geendet hatte, wurde noch kälter erwischt als zuvor die Pessimisten mit ihrer vorschnellen Wette auf fallende Kurse.

„Solch eine dramatische Ereigniskette bleibt Anlegern noch lange Zeit schmerzhaft in Erinnerung“, sagt Staud. Tatsächlich: Als sich die Börsen weltweit im Spätherbst erstmals wieder in die „Lehman-Zone“ vorwagten, sanken die Umsätze rapide. Sogleich schwand die Marktbreite, nur noch wenige Aktien trugen den Aufschwung. Schließlich kippten die Kurse weg. Inzwischen notieren alle wichtigen Börsenindizes unter der Lehman-Zone.

Immerhin, Wieland Staud, Christian Henke von der West LB und der freie Charttechniker Frederik Altmann (VTAD Regionalleiter) sehen nach der jüngsten Abwärtsdynamik den Dax zwischen 5000 und 5400 Punkten gut unterstützt. In dieser Zone vollendete sich im Sommer 2009 die zeitlich ausgedehnte Bodenformation, also das Ende der Baisse. Charttechnisch formvollendet brach der Dax schließlich im Frühsommer fulminant aus der lang umkämpften Zone nach oben aus (siehe Chart).

Üblicherweise mutiert solch ein Widerstand, wenn er einmal überwunden ist, anschließend in eine Unterstützung. Ein gewichtiger Grund dafür ist, dass viele Anleger, vor allem professionelle Investoren, aus solchen Chartmustern ihre Anlageentscheidungen ableiten. Insofern erfüllt sich die Prophezeiung bisweilen von allein.

Chart

Optimisten setzen auf die steigende 200-Tage-Linie

Henke ist davon überzeugt, dass diese wichtige Unterstützung trotz der jüngsten Alarmsignale halten wird, zumal dieser Bereich zusätzlich durch die viel beachtete 200-Tage-Linie, also dem Kursdurchschnitt aus den vergangenen 200 Handelstagen, untermauert wird. Den Vergleich mit 2007, als die Börsen die 200-Tage-Linie mühelos durchbrachen, lässt Henke nicht gelten: „Damals fiel die Linie und sendete Anlegern somit negative Signale. Diesmal steigt sie, und das ist überaus positiv.“

Deshalb setzt der Stratege auf den Fortbestand des Aufwärtstrends. Dieser begann mit den Tiefkursen Anfang 2009. Er habe sich angesichts der jüngsten Korrektur lediglich etwas abgeflacht. „Sobald die Börsen auf ihre alten Hochs vom Jahreswechsel zusteuern, kehrt der Dax in seinen alten, steilen Aufwärtstrend zurück und marschiert in Richtung 6800 Punkte“, sieht Henke die höchsten Kurse in diesem Jahr noch längst nicht erreicht.

Potenzial bis auf 6400 Punkten räumt Frederik Altmann dem Dax ein. Doch auch er stellt sein Ziel unter die Prämisse, dass die jüngste dynamische Talfahrt rasch zu Ende geht. Wichtigste Indizien dafür wären neben steigenden Kursen: höhere Umsätze an positiven Börsentagen, geringes Handelsvolumen an schwachen Tagen und schließlich die Rückeroberung der kritischen „Lehman-Zone“, also den Bereich zwischen 5850 und 6150 Punkten.

Quelle: Handelsblatt, 8. Februar 2010, Nr. 26
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