Börsen-Zeitung: Chemiewerte vor neuem Aufwärtsschub

Von Frederik Altmann *)
Die europäischen Chemiewerte haben sich zu Jahresbeginn kaum aus der Ruhe bringen lassen und sich nicht an den nervösen Zuckungen anderer Aktienwerte angesteckt. Technisch gibt es nun gute Chancen, dass dies in dem Sektor die Ruhe vor dem erneuten Sturm nach oben war.
Wie von Christian Henke in der Technischen Analyse vom 27. Januar hergeleitet, sind 15 000 Punkte im Dax – auch aus unserer Sicht – ein realistisches Jahresziel. Bei einem absehbaren Ende des Lockdowns sollten konjunktursensible, zyklische Unternehmen aus der Chemiebranche zu den Zugpferden zählen und den Dax schon im ersten Halbjahr hochziehen.
    Dabei hat der europaweite Branchenindex der Chemiewerte – der Stoxx Europe 600 Chemicals – im Januar bei 1 154 Punkten ein Rekordhoch markiert. In dem Zuge ist auch die 200-Tage-Linie nach langer Seitwärtsbewegung hochgedreht. Dieser Durchschnittskurs der vergangenen 200 Handelstage kann als langfristiger Trendindikator genutzt werden. Er untermauert mit dem positiven Signal die nochmals verbesserten Aussichten dieser Zykliker.
    Auch die Markttechnik macht keinen Strich durch die Rechnung. Der MACD-Indikator, der Veränderungen in den Abständen verschieden langer gleitender Durchschnitte visualisiert, hat auf neutralem Niveau einen positiven Impuls generiert: Die Signallinie wurde von unten nach oben geschnitten. Vergleichbare konstruktive Impulse hatte der viel genutzte markttechnische Trendindikator an den jüngsten Tiefs des europäischen Chemiewerteindex generiert, aber auch vor einem Zwischensprint der Kurse im Mai 2020.

Den Mut verloren

Nach dem jüngsten Ausbruchsversuch bis auf das Rekordhoch bei 1 154 Punkten hatten die Chemiewerte erst einmal ihren Mut verloren. Der Sektor konnte trotz des Kaufsignals keine neue Dynamik entwickeln.Der Index prallte im Gegenteil erst einmal wieder zurück auf das entscheidend wichtige Unterstützungsniveau bei 1 065 Punkten. Solch eine Korrektur nach einer Ausbruchsbewegung ist aber typisch und aus technischer Sicht positiv: ein trendbestätigender „Pullback“.
    Denn bei 1 065 Punkten hatte der Index mit den Aktien der Branchengrößen wie Linde und BASF aus Deutschland, aber auch dem norwegischen Düngemittelproduzenten Yara vor einem Jahr ein sehr bedeutendes lokales Hoch markiert, bevor es infolge des Corona-Ausbruchs erst mal zu einem massiven Kurseinbruch kam. Bis Ende Juli 2020 hatte der Index dann diesen Schock relativ zügig verdaut und sich wieder an dieses Niveau um 1 065 Punkte herangearbeitet.

    Im Grunde kämpfen die Kurse noch immer um dieses signifikante Niveau. Im September bezahlte der Index einen ersten Ausbruchsversuch mit einem spürbaren Rückschlag bis 970 Punkte, der aber letztlich doch schnell von der 200-Tage-Linie zusammen mit einem Aufwärtstrend gestoppt wurde.
    Diesem Zwischentief von Ende Oktober, aber auch dem jüngsten Rücksetzer kommt eine technisch erhöhte Bedeutung zu. Sie legten die Grundlage für neue Anläufe nach oben. Im aktuellen Aufwärtstrend bleibt die in der Dow-Theorie geforderte Abfolge höherer Tiefpunkte gewahrt. Daher sollten die Kurse mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch ein neues Hoch erreichen können. Die Aufwärtstrendlinie mit Ursprung im März-Tief wurde mit dem dritten Auflagepunkt Ende Januar bei 1 080 Zählern mittlerweile bestätigt. Sie hat ihre Unterstützungswirkung eindrucksvoll gezeigt.
    Mit der Trendlinie kann man im Chart zwei mehr oder weniger klar definierte steigende Dreiecke ableiten. Ein vom Oktober-Tief ausgebildeter steigender Keil ist zwar streitbar, weil sehr unsauber ausgebildet. Man kann ihn dennoch als Hilfskonstrukt nutzen, um ein erstes Kursziel für den Index aus der aktuellen frischen Aufwärtsbewegung abzuleiten. Es ergibt sich aus der Höhe des Dreiecks, nach oben abgetragen vom Startpunkt der aktuellen Aufwärtsbewegung bei 1 225 Punkten.

Frisches Kaufsignal

Klarer ist das längerfristige Dreieck mit der Höhe des Corona-Rückfalls im Februar und März letztes Jahr. Auch diese Formation muss aber mit der Kritik leben, beim Ausbruch bisher keine Dynamik entwickelt zu haben. Dennoch erscheint sie im längerfristigen Zusammenhang valide. Die Dynamik sollte nun mit dem Markieren eines neuen Hochs als frisches Kaufsignal entstehen. Dann dürften die Kurse schnell über den Orientierungspunkt bei 1 225 Punkten in Richtung 1 340 Zähler steigen.
    Das positive Chartbild basiert zusammenfassend auf dem intakten Aufwärtstrend des Stoxx Europe 600 Chemicals, einer kräftigen und bewährten Unterstützung bei 1 065 Punkten sowie dem jüngsten Rekordhoch als grundlegend positives Signal. Hinzu kommt die steigende 200-Tage-Linie als Vorbote tendenziell höherer Kurse.
    Im Gegenszenario, das Investoren immer auch ins Kalkül ziehen müssen, würde das positive Bild mit einem Rutsch des Branchenindex unter die Schlüsselunterstützung bei 1 065 Punkten dagegen hinfällig. Entsprechend sollten Anleger hier Stoppkurse erwägen. Positionen bei Einzelwerten aus dem Chemiesektor müssten dann auch besonders kritisch unter die Lupe genommen werden.
*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapierhandel.