Börsen-Zeitung: Talfahrt der Zinsen könnte enden

Von Frederik Altmann*)

In den vergangenen Jahren haben die wichtigsten internationalen Zentralbanken geldpolitisch nochmals gehörig aufs Gas getreten. „Whatever it takes“ verkündete Mario Draghi, und schon zu Zeiten Alan Greenspans wurde der sogenannte „Notenbank-Put“ von Anlegern genutzt, um mit begrenztem Risiko in eigentlich riskante Anlagewerte zu investieren. Denn die Notenbanken haben sich neben der Wahrung der Geldwertstabilität auch zur Aufgabe gemacht, mit einer wahren Geldflut die Wirtschaft ihrer Länder am Laufen zu halten. Sie schmieren den Konjunkturmotor mit billigem Geld. Die ex­trem expansive Geldpolitik, das Quantitative Easing (QE), erweitert die Kreditvergabe und lässt Anlagewerte wie Aktien, Immobilien und auch Anleihen allesamt steigen (Assetinflation).

Magische Null-Prozent-Marke

Anleihen wurden durch die ex­trem umfangreichen Bondkäufe der Notenbanken direkt nach oben getrieben. Mit dem Kursanstieg gingen aufgrund des reziproken Verhältnisses deutlich fallende Zinsen einher. Diese Talfahrt der Anleiherenditen hat sich seit Herbst 2018 weltweit noch mal beschleunigt, wie der Chart mit dem klaren Abwärtstrend (rot) verdeutlicht. In vielen Industrieländern werden relativ sicher eingeschätzte Staatsanleihen sogar mit negativen Renditen gehandelt. So bezahlen Anleger in Deutschland dem Bund Geld dafür, seine Schulden kaufen zu dürfen.

In den Vereinigten Staaten sind die Zinsen zehnjähriger Staatsanleihen, der Treasury Bonds, von Mitte Oktober 2018 bei 3,23 % bis auf ein Tief von 0,29 % Mitte August dieses Jahrs gefallen. Dieser Rendite-Abwärtstrend ist mit der roten Linie dargestellt. Er verläuft seit zwei Jahren – bis auf einen kurzen Schub unter den Trend bis auf ein Zwischentief im März bei 0,39 % – wie an der Schnur gezogen nach unten.

Verwerfungen durch den Virus

Dabei hat in diesem Jahr die Virusangst auch an den Anleihemärkten erhebliche Verwerfungen ausgelöst. Denn die T-Bonds hatten schon einmal im vierten Quartal 2019 eine Bodenbildung versucht. Zwischen 1,378 % und 1,88 % bewegten sie sich in einer Stabilisierung seitwärts. Sie durchbrachen die dünn gepunktete rote Rückkehrlinie, die parallel zum Abwärtstrend verläuft und einen fallenden Trendkanal bildet. Die US-Rendite kletterte auch über die violett eingezeichnete Durchschnittslinie der vergangenen fünf Monate, die nach oben drehte. Das schuf zum Jahreswechsel bereits die Basis für eine Trendwende nach oben. Diese wurde aber vom neuen Renditerutsch jäh unterbrochen.

Flucht in sichere Häfen

Die Virusangst löste eine Kapitalflucht in sichere Häfen und auch eine neue Liquiditätsspritze der Federal Reserve aus. Das brachte nochmals eine extreme Renditebewegung in den Markt. Sie führte aus technischer Sicht zur Bestätigung des Abwärtstrends über die Tiefs vom August 2018, August 2019 und März/April 2020. Nach der starken Abwärtsdynamik mit drei langen schwarzen Kerzen im Frühjahr ebbte die Dynamik in dem Markt aber spürbar ab. Der US-Bondmarkt scheint seitdem ausgereizt.

Aktuell ähnelt das Chartbild der zehnjährigen T-Bond-Rendite dem vor knapp einem Jahr. Die Zinsen haben sich schwerfällig, aber doch klar von ihrem Tief bei 0,29 % erholt. Zudem kletterten sie erneut über die rot gepunktete Rückkehrlinie des Trendkanals, die sie nun schon den zweiten Monat unter sich lassen. Bekräftigt wird das verbesserte Chartbild der Treasury-Rendite auch vom nach oben gedrehten Fünf-Monats-Schnitt. Die US-Zinsen arbeiten nun schon seit einem Dreivierteljahr an der Bodenbildung, die aus technischer Sicht mit einem neuen Zwischenhoch über 0,68 % in der Rendite bestätigt werden könnte. Ein positives Signal war bereits der Anstieg über das August-Hoch bei 0,46 %. Die unterste gestrichelte Linie bietet nun erste Unterstützung, bevor nach unten eine breit gefächerte Zone um die Tiefs seit März zwischen 0,39 % und 0,29 % nun sehr soliden Halt für die Anleiherenditen bietet.

Tiefstände gesehen

Die Markttechnik unterstützt die charttechnische Erwartung, dass die Rendite der zehnjährigen US- Staatsanleihe ihren Boden hinter sich gelassen haben sollte. Der MACD Indikator (Moving Average Convergence/Divergence) ist im Zuge der Stabilisierungsphase im Chart nach oben gedreht und steht vor einem Kaufsignal mit dem Schnitt der Signallinie von unten nach oben. Auf Monatsbasis kann der MACD relativ zuverlässige Hinweise auf längerfristige Trends im Markt geben. Das Gesamtbild am amerikanischen Rentenmarkt signalisiert also, dass die Renditen ihre Tiefststände gesehen haben sollten. Auch wenn die Zinsen künftig nicht „davonlaufen“ dürften, das können sich die hoch verschuldeten Länder nicht leisten und wird von den Notenbanken mit allen Mitteln bekämpft werden. Die Renditen arbeiten aber an einer Bodenbildung. Bestätigt wird diese in den USA bei einem Renditeniveau von mehr 0,68 %. Aufgrund der Führungsrolle der Vereinigten Staaten implizierte das auch die Erwartung moderat steigender Zinsniveaus in den anderen Industriestaaten.

*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapierhandel.