BöZ: Bei Chemiewerten Gewinne mitnehmen

Von Frederik Altmann *)  Chemiewerten dürfte nach der atemberaubenden Entwicklung im vergangenen halben Jahr nun die Luft ausgehen. Zwar kletterte Europas Branchenindex Stoxx Europe 600 Chemicals (SX4P) Ende August über sein „Vor-Corona-Hoch“ bis auf 1 072 Punkte. Ausbruchsdynamik konnten die Titel der größten europäischen Chemiefirmen auf diesem luftigen Niveau aber nicht mehr entwickeln. Im Gegenteil bröckelten die Kurse am Ende der Rekordwoche. Nun droht eine klassische „Bullenfalle“. Die Käufer, die das Rekordhoch als klassisches Kaufsignal zum Einstieg genutzt haben, könnten von einer Korrektur überrascht werden und unter Verkaufsdruck geraten. Investoren, die von der zuvor kräftigen Erholung profitiert haben, sollten (Teil-)Verkäufe erwägen und Gewinne mitnehmen.



Hohe Hürde
Die Hochs vom Februar und August bei 1 066 und 1 072 Punkten bieten nun eine erheblich hohe Hürde für den europäischen Chemiebranchen-Index mit den Schwergewichten Linde, Yara, Air Liquide und BASF. An das Niveau vom Februar hatte sich das Barometer bereits im Juli und Mitte August schon mal herangetastet. Immer wieder erlangten die Verkäufer bei diesen Kursen aber die Überhand und drückten den Index wieder zurück. Die Hürde wurde bis zuletzt nicht nachhaltig übersprungen. Entsprechend stark wirkt nun der Widerstand, der mit jedem Test weiter an Kraft gewinnt.

Als „teuer“ empfunden
Psychologisch gesehen empfindet die Mehrheit der Anleger den Wert an einem Kurs-Hochpunkt als „teuer“. Sie verkaufen und die Kurse beginnen zu fallen. Oftmals gehen sie so lange im kurzfristigen Trend zurück, bis sie sich einem früheren Tiefpunkt annähern. An dieser Unterstützung wird der Preis wieder mehrheitlich als „günstig“ empfunden. Das Kaufinteresse steigt und übersteigt die Verkäufe und die Kurse drehen nach oben. Entsprechend bedeutend sind Extrema – horizontale Widerstands- und Unterstützungslinien – für die technische Analyse als Abbild der Massenpsychologie. Sie halten oftmals so lange, bis eine neue Information an den Markt dringt, die eine Neubewertung bringt. Entsprechend leitet sich bei einer Korrektur auch das erste Unterstützungsniveau für den Chemie-Index unterhalb von 1 000 Punkten ab. Hier hatte der Index zum Jahreswechsel einige Zwischentiefs ausgebildet. Hinzu kommt die psychologische Unterstützung der 1 000-Punkte-Marke als runde Zahl. Ohnehin muss die nachlassende Kraft kein Vorbote einer heftigen Korrektur sein.

Weit über der 200-Tage-Linie
Langfristig gesehen bewegt sich der SX4P-Index ohnehin seitwärts. Das zeigt die sehr flach verlaufende 200-Tage-Linie. Sie bildet den durchschnittlichen Wert des Index über die vergangenen 200-Tage ab und stand zuletzt bei 965 Punkten. Dieser von vielen Anlegern beachtete gleitende Durchschnitt wirkt oft wie ein Magnet auf die Kurse. Bewegen sie sich zu weit von der Linie weg, dann werden sie in der Folge förmlich wieder zurückgezogen. Das spricht auch für einen bevorstehenden Rückschlag.
Zumeist entfernen sich die Kurse nicht zu weit von ihrer 200-Tage-Linie und pendeln dann zurück in Richtung des Durchschnitts. Die unten stehende Grafik zeigt den prozentualen Abstand von dieser Linie, der beim Chemiewerte-Index regelmäßig bei etwa 10 % ein Maximum erreicht hat. Das verdeutlicht die rot gestrichelte Linie. Aktuell ist ein Niveau erreicht, das im vergangen Jahr in der Regel eine bevorstehende Korrektur angekündigt hat.
Auch die Markttechnik unterstreicht die derzeitige Kraftlosigkeit des Branchenbarometers, das sich so zunächstnicht weiter nach oben durchsetzen dürfte. Die Stochastik, die in Seitwärtsphasen dazu genutzt werden kann, potenzielle Wendepunkte zu identifizieren, hat nahe dem jüngsten Hoch ein Verkaufssignal generiert. Der Marktindikator schwankt zwischen 0 und 100 und bewegt sich definitionsgemäß über 80 im „überkauften“ und unter 20 im „überverkauften“ Bereich. Ein Handelssignal wird dann gegeben, wenn sich der Indikator aus einem dieser Extremzustände zurück in sein „normales“ Handelsband zwischen 20 und 100 bewegt. Zuletzt fiel die Stochastik aus dem überkauften Zustand zurück in den Normalbereich und hat damit ein negatives Signal gegeben.

Unterstützung nicht fern
Unterstützung liegt für den Index allerdings nicht fern. Ein neuerlicher Kurseinbruch wie im Februar zeichnet sich nicht ab. Bereits vor dem oben angesprochenen Niveau um 1 000 Punkte könnte eine aufwärtsgerichtete Trendlinie bei etwa 1 040 Punkten bereits Halt bieten. Sie reicht über die jüngsten Tiefs, ausgehend von einem etwas normalisierten Niveau nach den Turbulenzen im März.
Sollten die Unterstützungen bei 1040 und 1000 Punkten nicht ausreichend Halt bieten für den europäischen Chemiewerte-Index, dann wäre die seitwärts gerichtete 200-Tage-Linie bei aktuell 965 Zählern ein nächster Anlaufpunkt. Spätestens aber eine weitere Horizontale um 915 Punkte sollte eine Korrektur aufhalten. Sie zieht sich über mehrere Extrema seit dem vergangenen Oktober.

*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapier­handel.