BöZ: Gold pirscht sich ans Rekordhoch heran

Von Frederik Altmann *)
    Der Goldpreis pirscht sich an sein Rekordhoch über 1 921 US-Dollar je Feinunze heran. Mitte 2019 hatte das gelbe Metall mit dem Sprung über 1 385 Dollar seine langjährige Seitwärtsphase nach oben verlassen. Der folgende Aufwärtstrend mit einer Serie höherer Tiefpunkte führte Gold über den wichtigen Widerstand bei 1 557 Dollar stetig weiter nach oben bis auf das aktuelle Achtjahreshoch bei 1 755 Dollar. Auch die Stellung als sicherer Hafen brachte im Zuge der Coronakrise Rückenwind. Gold wird von risikoscheuen Anlegern zunehmend gesucht und ist derzeit wieder in aller Munde.
    Fundamental stützt die Niedrigzinspolitik der internationalen Notenbanken den Goldpreis. Das Edelmetall bietet bei geringen oder gar negativen Zinsen eine gute Investmentalternative. Die Opportunitätskosten sind für Anleger gering einzuschätzen. Steigende Zinsen zeichnen sich aktuell nicht ab. Sie würden die Nachfrage nach Gold zugunsten von Anleihen belasten.
    Die global sehr expansive Geldpolitik der Notenbanken führt indes zu Inflation, die wiederum ein klassisches Kaufargument für Gold darstellt. In den Verbraucherpreisen bleibt diese zwar bisher kaum sichtbar, in Vermögenswerten ist sie dagegen schon seit geraumer Zeit sehr stark spürbar. Das zeigen beispielsweise die starken Anstiege von Aktien seit 2009 aber auch bei Immobilienpreisen.

Übergeordnetes Etappenziel
    Das Rekordhoch bei 1 921 Dollar ist das übergeordnete Etappenziel für den Goldpreis. Nicht nur psychologisch übt diese markante Zahl Anziehungskraft aus. Sie bildet aus technischer Sicht eine Schlüsselmarke: Kann der Goldpreis ein neues Rekordhoch markieren, ist das ein frisches, klassisches Kaufsignal und dürfte weiteres Interesse auf das gelbe Metall lenken. Eine dynamische Anschlussbewegung nach oben wäre zu erwarten. Prallt der Preis dagegen zunächst nach unten ab, müssten Goldinvestoren erst einmal mit einer Korrektur auf die Unterstützung bei 1 800 Dollar rechnen.
    Denn bei 1 802 Dollar liegt aktuell eine erste kleinere Hürde für den Goldpreis, die er auf dem Weg zum Rekordhoch überwinden muss. Der Widerstand resultiert aus den Zwischenhochs in den Jahren 2011 und 2012, als das Edelmetall damals entscheidend an Kraft einbüßte und nicht mehr ausreichend Käufer für einen weiteren Preisanstieg anlocken konnte. Angesichts der aktuellen Dynamik sollte das Edelmetall diese Hürde aber auf dem Weg zum Rekordhoch nun wieder überwinden können. Bei einem nachhaltigen Anstieg über 1 802 Dollar wandelt sich der Widerstand aus technischer Sicht zur Unterstützung. Das begründet sich aus der Massenpsychologie, an der sich technische Analyse ausrichtet. Viele Anleger, die den ersten Anstieg über einen Widerstand verpasst hatten, nutzen ihre zweite Chance für den Einstieg bei der Rückkehr auf ein wichtiges Preisniveau.

Potenzial bis 2200 Dollar
    Eine weitere technische Überlegung verstärkt indes die Signifikanz dieser Marke: Bei 1 802 Dollar liegt die erste Fibonacci-Extension der besonders prägnanten Ausbruchsbewegung in das Jahr 2019 hinein. Mit dem im Chart lila gekennzeichneten Anstieg hatte das Edelmetall seine langjährige Bodenbildung nach oben verlassen können. Aus dieser Bewegung lassen sich Kursziele ermitteln. Auch wenn der Goldpreis sein bisheriges Rekordhoch im aktuellen Anstieg knackt und in ein bisher nicht durchlaufenes Kursterrain – das „uncharted territory“ – vordringt. Bei einer dynamischen Anschlussbewegung sind dann mittelfristig durchaus 2 200 Dollar drin.
    Die nach dem italienischen Mathematiker Fibonacci (Leonardo da Pisa) benannte Zahlenfolge orientiert sich an dem aus der Natur abgeleiteten Goldenen Schnitt. Er wird in der technischen Analyse genutzt, um Korrekturniveaus und Kursziele zu bestimmen. Demnach werden signifikante, starke Preisbewegungen im Anschluss regelmäßig zu etwa einem Drittel, der Hälfte oder maximal rund zwei Drittel korrigiert. Damit wird neue Kraft für eine Bewegung in Trendrichtung geschaffen.
    Mit dem Überwinden des Ausgangsniveaus – dem klassischen Kaufsignal – ergibt sich für den Wert dann wieder neues Potenzial. Dieses wird wiederum regelmäßig in bestimmten prozentualen Ausmaßen abgearbeitet, den sogenannten Fibonacci-Extensionen. Demnach wird die ursprüngliche Bewegung oft zumindest um knapp zwei Drittel ausgeweitet. Ein zweites Ziel liegt bei der Verdopplung und dann bei 261,8 % des vorangegangenen Anstiegs in diesem Fall.
    Für den Goldpreis signalisiert diese Theorie ein erstes Kursziel bei 1 802 Dollar, was den horizontalen Preiswiderstand auf diesem Niveau wie beschrieben noch verstärkt. Bei einem weiteren Anstieg ergibt die Verdopplung der Ursprungsbewegung ein Kursziel knapp über dem bisherigen Rekord bei 1 954 Dollar. In dem Fall würde sich das neue Rekordhoch im Anschluss als eine „Bullenfalle“ herausstellen und erstmal Raum für eine Zwischenkorrektur als Atempause schaffen. Kann der Goldpreis aber auch diese Hürde nehmen, können Investoren ihre Kaufposition ausweiten und das mittelfristige Preisziel von 2 200 Dollar für den Preis des Edelmetalls ins Visier nehmen.
*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapierhandel.