BöZ: Reisebranche mit neuen Chancen

Von Frederik Altmann *)
    Europas Reise- und Freizeitwerte sind im Frühjahr besonders hart von der weltweiten Coronavirus-Krise getroffen worden. Mit den scharfen Reisebeschränkungen ist das Geschäft vieler Anbieter eingebrochen. Im Sog der Aktienkurs: Europas Branchenindex Stoxx Europe 600 Travel & Leisure (SXTP) verlor in wenigen Wochen fast 60 % an Börsenwert. Der ersten Panik um die Reisekonzerne folgte vorsichtiger Optimismus. Eine Pleitewelle wird wohl abgewendet und das Korsett immer weiter gelockert: Deutschland hat zu Wochenbeginn die Reisewarnung für die meisten europäischen Staaten aufgehoben, zuvor besonders schwer betroffene Reiseländer wie Spanien lassen wieder Touristen einreisen. Neuseeland registriert keine aktiven Covid-19-Fälle mehr.

Boden bekräftigt
    Der europäische Reisebranchen-Index zeichnet diese nachrichtliche Berg-und-Tal-Fahrt im Kursverlauf nach: Extreme Unsicherheit im Umgang mit der Pandemie und die schweren Auswirkungen auf Urlaubsländer wie Italien, Österreich und Spanien führte zum Ausverkauf der Sektorschwergewichte wie Lufthansa und Tui bis auf ein Indextief bei 112 Punkten Mitte März. Eine erste Entspannung mit rückläufigen Ansteckungszahlen erlaubte dann eine Erholung bei hoher Nervosität. Sie mündete in eine Seitwärtsphase des Index zwischen 160 und 171 Punkten. Dieser Trend bietet nun eine wichtige Unterstützung(szone) für den SX7P-Index. Zwei Ausbruchsversuche über den Widerstand bei 171 Punkten – der sich damit technisch zur Unterstützung wandelt – auf Zwischenhochs bei 184 und 200 Punkten hinterlassen erste Hürden für eine neue Aufwärtsbewegung. Die Unterstützung hat bereits Signifikanz gezeigt, wird nun aber auch nachhaltig auf ihre Unterstützungsfunktion überprüft. Denn im Markt bleibt die Angst vor einer zweiten Welle, die jüngst von neuen Infektionen in China verstärkt und prompt vom Rückschlag bei den Reisewerten reflektiert wurde.

Stabiler Aufwärtstrendkanal
    Dabei bewegen sich die europäischen Reisewerte derzeit im moderaten, aber stabilen Aufwärtstrendkanal (grün) nach oben. Dieser definiert sich über die Tiefs im März und Mai und ist mit der jüngsten Korrektur mit einem dritten Auflagepunkt bestätigt worden. Das insgesamt positive Chartbild wird von der Serie neuer Hochs untermauert, die eine gut definierte Rückkehrlinie des Kanals bilden. Gelingt es nun dem Stoxx Europe 600 Travel & Leisure Index, sich von der doppelten Unterstützung durch die Aufwärtstrendlinie und die Horizontale bei 171 Punkten abzustoßen, bietet die Rückkehrlinie auch das übergeordnete Kursziel nach oben.
    Zudem sind die Reise- und Freizeitwerte relativ zum noch stärker erholten Gesamtmarkt zurückgeblieben. Hieraus könnten sie nun überdurchschnittliches Potenzial schöpfen: Der Sektorindex notiert 24 % unter seiner aktuell etwas fallenden 200-Tage-Linie, die den Durchschnittskurs der vergangenen 200 Handelstage abbildet. Der breite Marktindex Stoxx Europe 600 hatte seinen langfristigen Durchschnittskurs Anfang Juni schon fast wieder erreicht.
    Bis an das übergeordnete Ziel bei 219 Punkten bieten die Reisetitel 25 % Kurspotenzial. Dort wartet mehrfacher Widerstand auf den Index. Zum einen bremst die steigende Rückkehrlinie des Aufwärtstrendkanals bei aktuell 214 Punkten. Hinzu kommt die langsam fallende 200-Tage-Linie bei derzeit 220 Zählern. Zudem hat dieses Niveau in der Vergangenheit dem Index immer wieder Halt geboten. Diese Horizontale hatte sich technisch mit ihrem Bruch ebenfalls zum Widerstand gewandelt. Anfang März gab es letztlich bei 220 Punkten einen zaghaften Stabilisierungsversuch. Der Index konnte das Niveau aber nicht halten und nahm dann kräftig Fahrt nach unten auf. Künftig sollte ein Rückschlag von diesem Niveau aber bereits an der auch psychologisch wichtigen 200-Punkte-Marke als Unterstützung aufgehalten werden.

Markttechnik warnt
    Ein nächster Anlaufpunkt nach oben liegt bei einem Fortbestehen des Erholungstrends bei 244 bis 249 Punkten. Dann würde auch die scharfe Korrektur, ausgelöst durch die Unsicherheit wegen des Coronavirus, im Wesentlichen wieder aufgeholt. Andere Branchen wie das Gesundheitswesen oder auch der Technologiesektor haben das in Europa bereits geschafft. Zudem ist auf diesem Niveau ein horizontaler Widerstand durch zwei Bewegungstiefs in den vergangenen Monaten zu erwarten. Eine danach letzte Hürde nach oben läge am jüngsten Zwischenhoch bei 268 Zählern. Angesichts der schlechten Visibilität und hohen Schwankungsfreude der Aktienmärkte müssen sich Anleger aber auch mit dem Rückschlagrisiko beschäftigen. Das Gegenszenario mit zu erwartenden Anschlussverkäufen droht beim nachhaltigen Bruch der Trendlinie und dem unteren Rand der Seitwärtsphase bei 160 Punkten. Unterhalb sollten Kaufpositionen mit einem Stopp gesichert werden. Die Markttechnik sendet mit einem frischen Verkaufssignal im MACD-Index, bei dem es zum Schnitt der Signallinie von oben nach unten kam, ein Warnsignal aus. Nach der zuletzt kräftigen Erholung in allen Indizes muss das aber nicht eine Underperformance der Reisewerte einläuten.
    *) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapierhandel.