BöZ: Vorsicht bei Europas Technologiewerten

Von Frederik Altmann *)

Europas Technologiewerte – abgebildet im Branchenindex Stoxx Europe 600 Technology – könnten ihre Favoritenrolle an der Börse verlieren­. Nach der nochmals beschleunigten Aufwärtsbewegung seit Oktober 2019 droht dem Sektor nun die Luft auszugehen. Zuvor hatte sich die Branche im Kielwasser der US-Pendants monatelang ganz oben auf die Einkaufslisten der Anleger geschoben. Jetzt ist aus technischer Sicht die Hürde bei 562 Punkten der entscheidende Widerstand.

Aktien heiß gelaufen

In den vergangenen vier Monaten hat Europas Tech-Barometer bis zu 22 % zugelegt. Der umfassende Stoxx Europe 600 steht mit einem Plus von knapp 14 %  klar im Schatten­. Ein erster Rückschlag Ende Januar, der den Index von 562 Punkten in kürzester Zeit bis auf 525 Punkte gedrückt hatte, wurde Anfang Februar schnell wieder aufgeholt.

Diese Bewegung hat aber technische Bremsspuren hinterlassen. Zumal es dem Tech-Index in der folgenden Gegenbewegung nicht mehr gelungen ist, ein neues Hoch über 562 Punkten zu erreichen. Das hätte den kurzfristigen steilen Aufwärtstrend positiv bekräftigt. So steht der Index aber in luftigen Höhen, die Anleger eher zu Gewinnmitnahmen einladen.

Ein Warnsignal ist auch der große Abstand zur 200-Tage-Linie von zuletzt 12 %. In den Vorjahren wurden regelmäßig Korrekturbewegungen angekündigt, wenn die Kurse des Tech-Index prozentual zweistellig von ihrem langfristigen Durchschnittskurs abwichen.

525 Punkte im Fokus

In einer Korrektur bietet das Niveau um 540 Punkte erste leichte Unterstützung. Hier verläuft der beschleunigte Aufwärtstrend über die Tiefpunkte im Oktober und Januar. Hinzu kommt eine horizontale Unterstützung aus einigen Ex­trempunkten der Kurse seit Mitte Dezember. Kann der Index dieses Niveau bereits verteidigen, würde die im Oktober eingeleitete dynamische Aufwärtsbewegung bestätigt und das Chartbild der europäischen Tech-Werte wieder positiv.

Wahrscheinlicher erscheint aber ein Test des jüngsten Zwischentiefs bei 525 Punkten. Hier ist eine deutlich kräftigere Unterstützung für den Technologiewerteindex zu erwarten. Neben einer horizontalen Unterstützung aus mehreren Extrempunkten seit November hilft eine wichtige Fibonacci-Marke auf diesem Niveau. Diese statistische Theorie geht davon aus, dass regelmäßig­ schnelle Kursbewegungen anschließend in bestimmten Prozentspannen korrigiert werden. Die zugrundeliegende Fibonacci-Zahlenreihe basiert wiederum auf dem als Goldener Schnitt bezeichneten Teilungsverhältnis. Bei 525 Punkten liegt für den Stoxx Europe 600 Technology Index das Mindest-Korrekturziel von rund 38 % des Anstiegs von Oktober bis Januar.

Bricht die Unterstützung bei 525 Punkten, so trübt sich das Chartbild bei Europas Tech-Index nochmals kräftig ein. Anleger müssten sich für einen weiteren Kursrutsch bis auf 488 Punkte wappnen. Denn mit dem Unterschreiten dieses Zwischentiefs würde in der technischen Analyse ein „Doppeltop“ bei 562 Zählern bestätigt. Das Kursziel dieser Chartformation errechnet sich bei 488 Zählern aus ihrer Höhe von 37 Punkten, die vom Ausbruchspunkt bei 525 Punkten nach unten abgetragen wird. Auf diesem Kursniveau bietet auch eine Horizontale, die in den Sommer 2019 zurückdatiert, zusätzliche Unterstützung für den Kursindex der Technologiewerte.

Langfristiger Trend steigend

Viele Aktienhändler orientieren Kauf- und Verkaufsentscheidungen an der 200-Tage-Linie. Dieser einfache­ Durchschnittskurs der vorangegangenen 200 Handelstage wird zum einen als Hilfsindikator für den langfristigen Trend herangezogen. Dieser bleibt beim Stoxx Eu­rope 600 Technology steigend. Zum anderen sehen Börsianer diese Hilfslinie als approximatives, faires Bewertungsniveau an. Technische Analysten heben daher oft eine „Magnetwirkung“ hervor, die von diesem Durchschnitt für die Preise ausgeht. Wie oben angerissen, neigen Kurse dazu sich dieser Linie wieder anzunähern, sobald sie sich prozentual zu stark von dem Durchschnittsniveau entfernt haben.

Entsprechend kann Europas Technologiewerteindex auch bei 500 Punkten eine Korrektur beenden, bevor das rechnerische Ziel eines Doppeltops erreicht wird. Hier hilft die nicht zu unterschätzende Psychologie der runden Zahl. Anleger empfinden das Kursniveau als günstig, nachdem der Index zuletzt vor rund vier Monaten „so billig“ war. Sie kaufen, und ihr Interesse könnte den Verkaufsdruck übersteigen. Die Kurse würden dann nach oben gedrückt. Neben der 200-Tage-Linie verläuft auch eine mittelfristige, steigende Trendlinie, die Anfang 2018 startet und noch bestätigt werden muss.

Den europäischen Technologiewerten droht eine empfindliche Korrektur, wenn der Branchen­index Stoxx Europe 600 Technology am Schlüsselwiderstand bei 562 Punkten nach unten abprallt, statt diesen zügig und nachhaltig zu überwinden. Dann sollten sich Anleger aus technischer Sicht auf fallende Kurse einstellen und Gewinnmitnahmen erwägen. Die wichtigsten Unterstützungen liegen bei 525, 500 und 488 Punkten. Auch bei 540 Zählern liegt ein möglicher Halt.

*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapier­handel.

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