Handelsblatt: Charttechniker sehen Kaufsignale

Gerade erst hat der deutsche Leitindex einen neuen Rekord markiert. Doch technische Analysten erwarten, dass der Dax auf mindestens 15.500 Punkte steigen könnte.

Ulf Sommer, Düsseldorf

Handelsblatt

Die Lage ist verzwickt. Rasant gestiegene Börsen gehen mit einem ähnlich starken Wirtschaftseinbruch wie in der Finanzkrise 2009 einher. Der erneute Lockdown lässt keine rasche Erholung erwarten. In solch einer Phase dürften die heiß gelaufenen Aktienmärkte eigentlich nur fallen. Doch vier renommierte Charttechniker, die das Handelsblatt per Zoom-Konferenz zu den Perspektiven des laufenden Aktienjahres befragt hat, sehen das ganz anders. Der einhellige Tenor lautet: Der Dax steigt rasch weiter und wird erst im zweiten Halbjahr anfällig für Rückschläge. Treiber der Entwicklung ist ihrer Meinung nach nicht mehr der bislang gewohnt starke, aber zu heiß gelaufene US-Markt, sondern Europa und Deutschland.

Technische Analysten leiten ihre Prognosen nicht aus realwirtschaftlichen Entwicklungen samt Unternehmensgewinnen und Ausblicken der Konzernvorstände ab, sondern sie ziehen ihre Schlüsse aus dem Chartbild der Vergangenheit. Dabei setzen sie auf wiederkehrende Muster. Wer daran nicht glauben möchte, sollte bedenken: Je mehr Aktionäre sich an Chartformationen orientieren, desto eher wird allein dadurch die Prophezeiung Realität. An der Wall Street genießt die Zunft der technischen Analysten, nicht zuletzt seit den legendären Erfolgen des Börsenaltmeisters Jesse Livermore im frühen 20. Jahrhundert, viel Aufmerksamkeit. Der amerikanische Trader orientierte sich an Kurshochs und -tiefs und wurde vor allem durch seine Spekulation auf fallende Kurse im Crash 1907 und 1929 reich.

„Charttechnisch stehen alle Ampeln auf Grün“, sagt Frederik Altmann vom Brokerhaus Alpha. „Die neuen Rekordhochs geben klassische Kaufsignale. Der Dax dürfte sich im laufenden Jahr Richtung 16.500 Punkte bewegen.“ Ganz so optimistisch sind seine drei zugeschalteten Kollegen zwar nicht. Sie wollen sich „nur“ auf 15.500 Punkte festlegen – doch den Grundoptimismus teilen sie. Altmann errechnet sein Kursziel aus der scharfen Korrektur im Frühjahr, die den Dax in nur vier Wochen um 40 Prozent einbrechen ließ, und der anschließenden fulminanten Erholung samt neuer Rekordhochs. Die zyklische Zusammensetzung mit vielen Aktien konjunkturempfindlicher Unternehmen verleihe dem deutschen Börsenbarometer Nachhol- und zusätzliches Aufwärtspotenzial, wenn sich die Wirtschaft in diesem Jahr erholt – wovon Ökonomen fest ausgehen.

Geringe Renditen bei Anleihen

Viele Entwicklungen treiben den Dax, die auch die vier Charttechniker im Blick haben. Zuerst sind es die altbekannten Faktoren wie der Anlagenotstand infolge rekordniedriger Zinsen und der Absicht der Notenbanken, diese auch noch für einen sehr langen Zeitraum nahe null zu halten. Für das Ersparte gibt es keine Renditen, auch nicht für Unternehmens- und Staatsanleihen oder am Geldmarkt. Dadurch gibt es zu den Aktienmärkten keine größere Anlagealternative. Infolgedessen relativieren sich die höheren Bewertungen angesichts bereits stark gestiegener Kurse. Hinzu kommt die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Pandemie, die allein aufgrund des starken Einbruchs höher als in vergangenen Zyklen ausfallen dürfte. Um 50 Prozent gefallene Unternehmens-Nettogewinne, wie es bei den Dax-30-Konzernen 2020 der Fall gewesen sein dürfte, steigen 2021 wohl schon allein aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus um hohe zweistellige Prozentraten.

Auf all diese positiven fundamentalen Aspekte verweisen die vier Analysten zwar, berücksichtigen sie aber nicht maßgeblich in ihren Prognosen. Der Grund: Die Tatsachen sind bekannt und damit bereits in den Kursen enthalten – das ist eine Grundmaxime der Charttechnik. Doch aussichtsreiche charttechnische Aspekte kommen kurstreibend hinzu. Christian Henke vom Handelshaus IG Markets beschreibt es sinngemäß so: Seit Beginn der Börsen-Erholung 2003, die dem Crash infolge der geplatzten Dotcom-Blase folgte, hat sich ein stabiler Aufwärtstrend etabliert. Er wurde kurzfristig im Frühjahrscrash 2020 unterschritten, anschließend kehrte der Dax sofort in seinen aufwärtsgerichteten Kanal zurück.

Charttechnisch ist dies ein starkes, trendbestätigendes Signal, weil sich die Abwärtskräfte und damit die Verkäufer am Aktienmarkt nicht durchsetzen konnten – und die Kaufbereitschaft demnach höher ist. Mit der Konsequenz, dass die Käufer mehr ins Risiko gehen, die Verkäufer hingegen angesichts der Marktstärke weniger aktiv werden. „Ende Dezember sprang die Börsenampel auf Grün, als der Dax sein Rekordhoch von 2017 nachhaltig hinter sich ließ“, so Henke. Die vor knapp vier Jahren erreichten 13.534 Dax-Punkte waren zwar vorübergehend im Februar 2020 deutlich überschritten worden, aber nicht wirklich aus Sicht des Charttechnikers. Denn nachhaltig, das heißt auf Quartalsbasis, schloss der Dax erst Ende Dezember 2020 über seinem alten Rekordhoch und ging so in das neue Börsenjahr 2021. Das ist zweifellos ein starkes Signal aus Sicht von Henke und seinen Mitstreitern.

Mit 15.500 Punkten, und das bereits in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres, rechnet Jörg Scherer, Leiter der technischen Analyse bei HSBC Deutschland. Zwei Kurstreiber macht er aus: die V-förmige Erholung nach dem Crash im Frühjahr und eine sich anschließende trendbestätigende Flagge. Das heißt, der fulminanten Aktienrally im Frühjahr schloss sich zunächst eine Konsolidierung an, die sich schlussendlich nach oben hin auflöste. „Technikerherz, was willst du mehr?!“, zieht Scherer aus dieser Formation positive Schlüsse. Jetzt gelte es, aus der steilen Vorlage rasch Kapital zu schlagen. Mit Rückschlägen rechnet er, wenn die saisonal schwierigen Sommer- und Herbstmonate anstehen.

In der Vergangenheit gab es kaum ein Jahr, in dem dieses Muster – starkes Frühjahr, schwächerer Sommer und Frühherbst – nicht passte. Insofern setzen die sich auf Chartbilder verlassenden Analysten auch diesmal darauf. Die Erwartung vieler Anleger, dass nach der jüngsten, starken Marktphase die Märkte heiß laufen und eine Konsolidierung wahrscheinlich wird, dürfte die Rückschlaggefahr mit Beginn des zweiten Halbjahres aber enorm erhöhen.

Doch so weit ist es noch nicht. Unisono verweisen die Experten auf die aktuell gute Marktbreite. Die Mehrzahl der Aktien steigt seit Monaten, nur wenige fallen. Das ist in einer Aufwärtsbewegung keineswegs selbstverständlich. Oftmals werden Börsenhochs nur von wenigen, hochkapitalisierten Gesellschaften getrieben. So war es lange Zeit, auch 2020, an der Nasdaq mit Aktien wie Apple, Alphabet (Google), Facebook und Microsoft der Fall. Das ist seit Wochen anders – und besser. Die breite Masse der mittel- und niedrig kapitalisierten Aktien trägt nun den Aufschwung, was Charttechniker als gesunde Marktverfassung interpretieren. Der Dax hat nach Meinung des freischaffenden Analysten Klaus Deppermann schon in den ersten sechs Monaten das Potenzial für 15.500 Punkte. Dem marktbreiten Euro Stoxx 600 mit den vielen mittelgroßen europäischen Unternehmen traut er zu, nach den vielen vergeblichen Anläufen schon seit Mitte der 90er-Jahre endlich die alten Hochs bei gut 400 Punkten deutlich hinter sich zu lassen. Deppermann verweist auf die hohe Resistenz gegenüber schlechten Nachrichten. Ob Brexit, Corona oder die jüngsten Turbulenzen um die amerikanische Präsidentschaft: Stets schüttelten die Aktienmärkte negative Einflüsse ab – oder schienen sie zu ignorieren.

Das ist natürlich nicht der Fall, denn die meisten Aktienkäufer registrieren diese Meldungen sehr wohl. Dass die Auswirkungen an den Finanzmärkten dennoch gering blieben, sei ein Beleg für die extrem starke Verfassung des Gesamtmarktes. Anders ausgedrückt: Ohne die vielen negativen Meldungen würde der Markt wohl noch stärker steigen.

US-Aktien bereits stark gestiegen

Weniger zuversichtlich sind die Experten hingegen für die US-Börsen. „Hier sind die wichtigen Indizes extrem heiß gelaufen: der S&P 500, vor allem aber die Technologiewerte“, sagt Deppermann. Die Outperformance der Wall Street, das heißt eine bessere Entwicklung als die der meisten anderen Märkte, dürfte zu Ende gehen – „oder sie ist schon zu Ende gegangen“, gibt Deppermann zu bedenken. Ein Indiz dafür ist die Kursentwicklung von Google & Co: Die bei vielen Anlegern sehr beliebten Digitalkonzerne haben in den letzten Wochen keine neuen Hochs mehr erreicht. Eine Korrektur von 20 bis 25 Prozent beim Technologiewerteindex Nasdaq hält er für wahrscheinlich, nachdem das Börsensegment in seine zweite große Blase hineingelaufen sei – nach der ersten Blase Ende der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Seine Kollegen teilen die Skepsis, sehen die Kurse an der Nasdaq aber kurzzeitig sogar noch weiter steigen. „Die Trendlinien gehen immer steiler nach oben“, sagt Henke und will dies als Kauf- und Warnsignal zugleich verstanden wissen. Kurzfristig gebe es Potenzial bis zu 14.000 Punkte. Das wäre ein weiterer Zuwachs beim Nasdaq 100 von gut acht Prozent. Doch Henke sieht den Index schon jetzt heiß gelaufen. Erst bei einem Rückfall in Richtung 11.000 Punkte hält er die Übertreibungen für abgebaut.

Dass die Nasdaq aus ihrem 2009 etablierten starken Aufwärtstrendkanal 2020 nach oben hin ausgebrochen sei, hat nach Ansicht von HSBC-Experte Scherer zusätzliche Dynamik ausgelöst. Diese dürfte aber angesichts des sehr heiß gelaufenen Marktes kaum von Dauer sein. „Ein Rückfall in den Trendkanal birgt weiteres Rückschlagpotenzial“, warnt auch er. Nach der beeindruckenden Outperformance der Technologie in den letzten 15 Jahren „werden wir so eine Entwicklung in den nächsten 15 Jahren ganz sicher nicht wiedersehen“.

Die vier Experten halten vielmehr eine Branchenrotation für wahrscheinlich: „Hin zu zyklischen Werten, die vom Aufschwung der Realwirtschaft profitieren, weg von der lange gut gelaufenen Technologie“, so Altmann. Profiteur dieser Entwicklung könnten Europa und Deutschland mit ihren in den letzten Jahren weniger beachteten Aktien aus der „Old Economy“ sein.

Charttechnisch stehen alle Ampeln auf Grün.

Frederik Altmann

Brokerhaus Alpha

In den USA sind die wichtigen Indizes extrem heiß gelaufen.

Klaus Deppermann

Technischer Analyst